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Vortragsabend
zum Thema
Die Aussetzung der Wehrpflicht
und die Folgen für die Zivilgesellschaft
Referentin:

Frau Ulrike Merten
Präsidentin der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik
Bielefeld
am Dienstag, 22.
Februar 2011, 19.30 Uhr
im Mövenpick-Hotel,
Holstentorplatz
*****
Sektionseigener
Bericht
Die Aussetzung der Wehrpflicht
und die Folgen für die Zivilgesellschaft
Vorausdenken nicht gefragt – Politiker bleiben lieber
„in Deckung“ und warten ab…
Im Folgenden fasst die Sektion
die wesentlichen Aussagen des Vortrags zusammen. Da hierzu in der
nachfolgenden Aussprache zum Teil konträr diskutiert wurde, sind deren
Beiträge zum besseren Verständnis gleich in den nachfolgenden Text
eingearbeitet, aber natürlich als solche gekennzeichnet.
In seiner Einführung zum
Vortrag der Präsidentin warf der Sektionsleiter vier Fragen auf, die
dem mündigen Bürger spontan einfallen, wenn er über das obige Thema
nachdenkt. Es sind dieses:
1.
Welche Auswirkungen hat das für die
künftige Personalstruktur und –Gewinnung der Bundeswehr?
2.
Wie kann Deutschland in Zukunft noch
seiner Verpflichtung zu den laufenden Auslandseinsätzen nachkommen?
3.
Warum „muss zwangsläufig“ der Zivildienst
mit dem Aussetzen der Wehrpflicht auch entfallen? Hat er nicht längst
eine eigenständige Bedeutung in unserer Gesellschaft gewonnen, oder
ist er immer noch als „Ersatz=Strafdienst“ anstelle des Wehrdienstes
zu sehen?
4.
Welche Vorstellungen haben unsere
Politiker von einem künftigen Zivil- oder Sozialdienst, der
insbesondere der Alterung unserer Gesellschaft Rechnung trägt?
Ihren Vortrag dazu begann Frau
Merten zunächst mit einem Rückblick.
Sie selbst habe die
Notwendigkeit der Wehrpflicht für die Bundesrepublik immer vertreten –
wie auch nahezu alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages – bis zur
Wiedervereinigung im Jahre 1990. Als deren Folge musste die Bundeswehr
und die Reste der NVA vertraglich von ca. 600.000 Mann auf 370.000
reduziert werden. In den Folgejahren kamen weitere Kürzungen auf
schließlich 245.000 Mann hinzu. Dementsprechend fiel natürlich auch
der Anteil der Wehrpflichtigen. Um die Wehrgerechtigkeit trotzdem noch
einigermaßen aufrecht zu erhalten, wurde die Dienstzeit wiederholt
verringert – zuletzt auf 6 Monate. Dabei spielten militärische
Notwendigkeiten praktisch keine Rolle mehr, es ging nur noch darum,
den „Durchlauf“ zu erhöhen. Schließlich waren es doch nur noch 17 %
eines jeden Jahrgangs, die als Wehpflichtige benötigt wurden.
Spätestens jetzt war eine
ernsthafte Diskussion dieses Themas nicht mehr zu vermeiden, obwohl
die Mehrzahl der Parlamentarier nach außen hin – bis auf einige junge
Abgeordnete – beharrlich an der Wehrpflicht festhielt und diese
Haltung gebetsmühlenartig mit immer den gleichen Argumenten
begründete. Erst die Einsparvorgabe an den Verteidigungsminister in
Höhe von 8,3 Milliarden EURO innerhalb der nächsten vier Jahre
veranlasste diesen zu der radikalen Entscheidung, die Wehrpflicht
auszusetzen und so rund 10.000 Ausbilder-Dienstposten einzusparen, die
er an anderer Stelle effektiver einsetzen könnte. „Ausgesetzt“ statt
gleich ganz „abgeschafft“ hat man die Wehrpflicht aus juristischen
Gründen: In der jetzigen Version bleibt der Wehrpflicht-Artikel im
Grundgesetz und kann durch einfache Kabinettsentscheidung jederzeit
reaktiviert wurden, falls das nötig werden sollte. Frau Merten zeigte
sich erstaunt, wie nahezu geräuschlos diese Kurskorrektur von den
Parlamentariern „geschluckt“ wurde – nach Ansicht der Sektion wohl ein
deutlicher Hinweis darauf, dass die Treueschwüre der Abgeordneten zur
Wehrpflicht in den letzten 20 Jahren wohl nicht mehr so ganz ernst
gemeint waren… Im wesentlichen war sie zuletzt nur noch ein Mittel der
Nachwuchsgewinnung.
Heute
fehlen bereits 7.000 Zeit- und Berufssoldaten
sowie 15.000 Freiwillige, die bis zu 23 Monaten dienen. Wie kann es
gelingen, künftig genügend Soldaten zu haben, wenn schon heute diese
Lücken klaffen, fragte sich Frau Merten, zumal es in Deutschland –
anders als in Dänemark oder Schweden – keine „Kultur der
Freiwilligkeit“ herrscht? Hier wurde Frau Merten in der anschließenden
Diskussion heftig widersprochen: Es gäbe überall in der Gesellschaft
genügend Beispiele für ehrenamtliches Engagement – ein deutlicher
Beweis dafür, dass es Freiwilligkeit in Deutschland sehr wohl gibt!
Eine Tatsache festzustellen,
heißt nicht zugleich, sie zu akzeptieren, antwortete Frau Merten. Für
die Bundeswehr heißt das zunächst einmal, dass sie ohne die o. g.
22.000 Soldaten am unteren Ende jenes Personalumfanges
ankommen würde, den sie zur Erfüllung der derzeitigen deutschen
Verpflichtungen zu Auslandseinsätzen mindestens benötigen
würde. Der Generalinspekteur glaubt zwar, dass genügend Freiwillige
kommen werden. Aber auch er ist der Meinung, dass das durch Boni bei
Berufsförderung oder Studium und attraktivere Bezahlung unterstützt
werden müsse. Durch eine solche „Anschubfinanzierung“ (nicht nur auf
dem Gebiete der Besoldung) wird aber zunächst einmal eher mehr Geld
ausgegeben werden müssen als etwas einsparen zu können.
In der späteren Diskussion
verneinte Frau Merten ganz eindeutig die dort gestellte Frage, ob sich
nun – nach Aussetzen der Wehrpflicht – die Bundeswehr zu einem „Staat
im Staate“ entwickeln könne. Nach 55 Jahren Erfahrung als
Parlamentsarmee ganz sicher nicht, meinte die Referentin. Eher wird in
der Gesellschaft das „freundliche Desinteresse“ an der Bundeswehr
zunehmen, die mit großen Kontingenten bereits im Ausland steht, und
über die künftig kein Wehrpflichtiger mehr aktuell berichten kann.
Deshalb sei sie gerne Präsidentin einer Organisation geworden, die der
Bevölkerung die Notwendigkeit der Bundeswehr immer wieder vor Augen
führe. Zugleich danke sie damit allen Mitgliedern der GfW für deren
ehrenamtliche Arbeit.
Zivildienst leisten zur Zeit 90.000 junge Männer. Da
dieser Dienst bis heute noch formal gesehen immer noch ein
„Ersatzdienst“ für nicht geleisteten Wehrdienst ist, wurde er parallel
zu diesem – ebenfalls ohne Rücksicht auf die Belange der
Sozialverbände – schrittweise immer weiter verkürzt bis hin zum
Wegfall heute nach Aussetzen der Wehrpflicht. Dabei wurde von den
Parlamentariern billigend in Kauf genommen, dass die
Zivildienstleisten wegen der immer prekärer werdenden Lage in ihrem
Arbeitsbereich auch Aufgaben übernehmen, zu deren Ausführung sie
eigentlich gar nicht berechtigt sind. Dennoch gibt es, so die
Vortragende, im Gegensatz zur Bundeswehr beim Zivildienst mehr
Nachfragen als offene Stellen. Deshalb glaubt man, dass hier der
Freiwilligenbedarf eher gedeckt sein wird als bei der Bundeswehr. Im
Familien-Ministerium kursiert bereits ein Referentenentwurf zu einem
sog. „Bundes-Freiwilligen-Dienst“. Anmerkung der Sektion: Gibt es die
„Kultur der Freiwilligkeit“ ( die Frau Merten bei uns nicht sieht )
also doch in unserer Gesellschaft???
Und was tun die Politiker,
wenn sich dieser Glaube nicht bewahrheitet? Brauchen wir eigentlich
nicht gleich von vorneherein ein soziales Pflichtjahr für Männer
und Frauen? Das sei ein heißes Eisen, so die Referentin. Keine
Partei im Bundestag wagt sich zur Zeit mit einem solchen Vorschlag
„aus der Deckung“ und wäre bereit, das Grundgesetz entsprechend zu
ändern. Vielmehr wolle man abwarten, wie sich die Lage entwickelt, und
in etwa 10-15 Jahren darüber diskutieren. Außerdem stehe dem die
UN-Charta entgegen… Diesen Punkt hat die Sektion inzwischen geklärt:
Die UN-Charta verbietet lediglich jegliche Art von „Zwangsarbeit“ zum
Zwecke der Ausbeutung von Menschen; das Recht eines Staates, sich
selbst – z. B. zur Altenpflege - eine eigene soziale Komponente zu
schaffen, wird durch den UN-Artikel keineswegs eingeschränkt. Der
Sektion scheinen solche Argumente der Politiker vielmehr eine
Verschleierung dafür zu sein, dass sie nicht bereit sind, hier und
heute Verantwortung zu übernehmen, sondern diese einer nachfolgenden
Politikergeneration zuschieben wollen.
Abgesehen davon, dass das
Gehörte in vielen Punkten nicht zufrieden stellen konnte, war der
Vortrag unserer Präsidentin dagegen von einer Frische gekennzeichnet,
die ihr die Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer zu jeder Zeit sicherte.
Herzlichen Dank, liebe Frau
Präsidentin, für den Vortrag und Ihr Kommen!
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